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26Sep

Friedrich Ostendorff in der Breilklause

Leserbrief zu Artikel: „“, Samstag 21. September 2013.

 

Der Grüne Bundestagsabgeordnete, der Landwirtschaftsmeister Friedrich Ostendorff lud am 19. September zu 19:30 in die Breilklause in Ascheberg zu einer Diskussion über den „Weg der Landwirtschaft im Münsterland“ ein. Um die 130 Bürger folgten dieser Einladung, wobei die Mehrheit der Berufsgruppe Landwirt angehörte. Einführend stellte Beckmann die globale Situation der Landwirtschaft dar, ging der praktizierende Landwirt Fallenberg auf Situation und Wünsche der hiesigen Landwirtschaft sowie stellte der NABU Mitarbeiter Mantel die Umweltauflagen der EU mit Schwerpunkt Feldvogel dar.

Zunächst wurden Probleme der globalen Lebensmittelversorgung aufgezeigt. In Argentinien, Hauptproduzent für das Futtermittel Sojaschrot, leiden Menschen Unterernährung und Hunger. Ein weit verbreiteter Irrtum wurde aufgeklärt: Sojaschrot, weltweit zu fast 50% von der EU importiert, bringt dem Produzenten 65% der wirtschaftlichen Einnahmen. Dabei leiden vor allem die Landwirte unter den Praktiken moderner Landwirtschaft. So wird in Frankreich Parkinson, eine Folge des meist genutzten Spritzmittels, als Berufskrankheit anerkannt. Eine Option für die Zukunft bildet Clima-Farming, das große Mengen schädlichen Kohlendioxids wieder in den Boden bindet, und dabei die Fruchtbarkeit des Bodens enorm steigert. Als Beispiel dafür wurde die Ökoregion Kainsdorf angeführt.

Ohne Zweifel geht es der Landwirtschaft momentan gut. Trotzdem bestehen intensive Bemühungen, diesen Zustand zu halten.

Neben dem Landwirtschaftsmeister und Grünen MdB Friedrich Ostendorff,

 

Bernd Wimber, Sprecher der Grünen, Ascheberg später routinierter Diskussionsleiter hieß alle Anwesenden willkommen.

Anschließend begrüßte Hubert Beckmann anwesende Honoratioren persönlich, und wandte sich einleitend allgemeinen Aspekten der Landwirtschaft zu. Er betonte: „Gerade die Landwirte selber müssen unter ihrem Einsatz leiden.“ In Frankreich wird beispielsweise, die Parkinson-Krankheit für Landwirte, verursacht durch das meist genutzte Spritzmittel, als Berufskrankheit anerkannt. Für Deutschland ist das noch nicht der Fall. Auch verwies er, dass Klimawandel-Landwirtschaft in Österreich bereits erfolgreich praktiziert, auch für den Kreis Coesfeld eine Zukunftsversion der Landwirtschaft anbietet (www.oekoregion-kaindorf.at). Mehr Dauerhumus im Boden gibt Äckern ihre ursprüngliche Fruchtbarkeit wieder, speichert Wasser und bindet große Mengen CO2 – 10% Dauerhumus binden 800 Tonnen COje ha. Das Artensterben ist eine der größten Gefahren des Klimawandels. Im Münsterland kann dieses Artensterben durch eine Kombination menschlicher und natürlicher Infrastruktur entscheidend reduziert werden. Landwirtschaftlich genutzte Lärmschutzwälle sind das Mittel der Wahl: sie produzieren Holzhackschnitzel und dienen, vergleichbar mit den Niederlanden, der Wanderschafbeweidung. Schafe sind das beste Samentaxi und reduzieren die Gefahr des Artensterbens entscheidend durch eine Migration der Pflanzen.

Beide, Klimalandwirtschaft und Lärmschutzwälle, binden für Ascheberg über 3 ½ Millionen Tonnen CO2 dauerhaft in einer CO2-Senke. Das sind je Ascheberger über 200 kg CO2, aktuell also der Ausstoß von mehr als 20 Jahren.

 

Dann stellte der praktizierende Landwirt Martin Fallenberg Erwartungen der Landwirte an die Politik dar. Dabei beklagte er eine mangelnde Planungssicherheit, da politisch festgelegte Rahmenbedingungen für die Landwirte durch ständigen Wandel verschärft werden. Dies beeinträchtigt die Arbeit der hiesigen Landwirte innerhalb des Europäischen Wettbewerbs. „Landwirte schaffen Arbeit, und mit ihrem Einkommen erhalten sie die eigenen Familien am Leben.“ Konventionelle Landwirte fühlen sich hierin von der Agrarpolitik der Grünen Partei bedroht. Auch verwehrte er sich dagegen, dass Jürgen Trittin Landwirte als „Drogenhändler und Tierquäler“ kriminalisiere. Das zerstöre jede Bereitschaft zur Kommunikation, die doch so nötig sei.

 

Im Anschluss stellte Kristian Mantel, von der NABU-Station Münsterland die Situation von Pflanze und Tier im Kreis Coesfeld am Beispiel Kiebitz dar. Die momentane Entwicklung lässt das Aussterben dieses vormals weit verbreiteten Feldvogels für das Jahr 2030 erwarten.

EU-Förderprogramme zur ländlichen Entwicklung berücksichtigen die Bestandsentwicklung der Feldvogelarten. In einer Durchführungsverordnung legte die EU-Kommission, Agrar-politik in Zukunft anhand des Zustands der Artenvielfalt zu bewerten. Der Feldvogelindikator trägt dazu bei, dass künftig nur noch Förderprogramme bewilligt werden, die einen Beitrag zum Schutz von Natur und Umwelt leisten. Unterschreitet die Bestandesdichte einen vorgegebenen Wert, wie dies in Thüringen bereits der Fall, muss sich die landwirtschaftliche Bewirtschaftung der Fläche an von Brüssel vorgegebenen Richtlinien zum Schutze der bedrohten Vogelarten halten. Mantel ermunterte die Landwirte, diesbezüglich bereits vorbeugend aktiv zu werden, um diese Rechtsabläufe zu umgehen. Landwirte nahmen daher im Anschluss an die Veranstaltung einen ersten Kontakt auf.

 

Schließlich übernahm Friedrich Ostendorff das Podium, und ging auf die von Fallenberg dargestellten Anliegen der hiesigen Landwirtschaft ein. Er entschuldigte sich dafür, dass sich Landwirte durch den Vorwurf „Drogenhändler“ betroffen fühlen. Er verwies aber darauf, dass sich der Vorwurf speziell gegen den Tierarzt des größten Hühnerfleischproduzenten richte, der mit seinen Medikamententransporten die Kompetenz der Kreisveterinäre umginge. Den unpassenden Vergleich führte er auf die fehlende landwirtschaftliche Kenntnis der Politiker zurück. Er belegte diese Äußerung mit Cem Özdemirs Verbotsvorschlag, Schweinen den Rüssel abzuschneiden, Frau Ministerin Aigners Äußerungen zur „Laktosefreie Heumilch“,  was allenthalben Erheiterung auslöste. „Politikern fehlt die notwendige praktische Kenntnis.“ Auch die dann vom Landwirtschaftsmeister Anton Füchtling dem Landwirtschaftsmeister Friedrich Ostendorff gestellte Prüfungsfrage, um dessen landwirtschaftlicher Fachkenntnis zu kontrollieren, trug zur gelösten Stimmung bei.

Mit einer Zwischenfrage brachte die Herberaner Ärztin Frau Dr. med. Elisabeth Koch den Antibiotikaeinsatz in der Landwirtschaft zur Diskussion. Umgehend verwiesen Landwirte jedoch auf ihren verantwortungsvollen Umgang mit Medikamenten. Ostendorff legte dar, dass noch unbekannte Schwierigkeiten durch die Bedrohung der Gesellschaft durch resistente, aus der Tierhaltung stammende Keime, Einfluss auf die Planung landwirtschaftlicher Praxis hat. Ein zunehmender gesellschaftlicher Druck sei gegeben.

Bezüglich vermeintlich durch Grüne Politik hervorgerufene mangelnde Regelmäßigkeit in der Agrarpolitik, führte er an: „Gerade der schwarz-gelben Koalition mangelt es an Kontinuität in für die Landwirtschaft relevanten Entscheidungen.“ Beispielsweise stehe die Ministerin für Landwirtschaft Ilse Aigner zum Ende ihrer Amtszeit blamiert da. Sie habe angekündigt, keine Hermesbürgschaften mehr für Tierfabriken zu geben. Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler genehmigt gerade eine Hermesbürgschaft für Massentierhaltung mit angegliedertem Schlachthof in der Ukraine: 35 Mill. Euro für eine Entenmastfabrik, 26 für Mill. Euro für Legehennen in Käfighaltung. Aufgrund offener Handelsgrenzen werden sie zur ernster Konkurrenz für die deutsche Landwirtschaft. Die FDP und Rösler glänzen hierbei durch ihre „Gleichgültigkeit gegenüber tierquälerischen Haltungsformen“.

(http://www.zdf.de/ZDF/zdfportal/blob/24488862/1/data.pd)

Ostendorff forderte auf: „Wir müssen über die Zukunft des ländlichen Raumes diskutieren“.

 

Landwirte wiederholten, dass sie Grüne Agrarpolitik als Bedrohung empfinden. Dies habe zur raschen Expansion der Betriebe verleitet, um für Neubauten den Bestandesschutz zu erhalten. Ostendorff jedoch verwies darauf, dass wir in einer Demokratie mit der ganzen Bevölkerung diskutieren. Im Bundestag befinden sich zwar 18 Vertreter des Deutschen Bauernverbandes. Landwirte, somit im Anteil an der Gesamtbevölkerung neben den Rechtsanwälten, die am stärksten vertretende Berufsgruppe. Landwirtschaftliche Lobbyarbeit heizt die Stimmung an, und es vermehren sich Bürgerinitiativen, die saubere Luft, sauberes Wasser, Reduktion von Geruchsemissionen sowie eine Änderung landwirtschaftlicher Praxis fordern. Bestandesobergrenzen in der Tierhaltung seien ein zentrales Thema. Im Kreis Borken haben die Wasserwerke die landwirtschaftliche Gülledüngung als die Quelle für den überhöhten Nitratgehalt im Grundwasser angegeben. Obschon die Böden im Kreis Coesfeld weniger durchlässig seien, sei eine vergleichbare Entwicklung auch hier schon bald zu erwarten. Über eine freiwillige Begrenzung der Bestandesobergrenzen sei daher bereits jetzt nachzudenken.

Verschiedene Landwirte warfen darauf hin der Grünen Partei Stimmungsmache gegen ihre Interessen vor. Dirk Schulze Pellengahr wies den Vorwurf zurück, Sojaanbau für die Münsterländer Schweinemast führe zur Rodung von Regenwaldflächen: „China importiert 80% des weltweiten Sojaschrotes!“ Beckmann hatte aufgezeigt, dass der Ertrag aus dem Sojaanbaus zu 2/3 auf die Verwendung als Tierfutter, und nur 1/3 auf das Sojaöl zurückgehe. Faktencheck hierzu:

de.wikipedia.org/wiki/Sojabohne, www.proplanta.de, www.sojanetz.ch/Welthandel.25.0.html, www.fao.org/docrep/t0532e/t0532e00.htm.

 

Ein weiteres Thema waren die in letzter Zeit mehrfach aufgetretenen Erstickungsfälle von Mastschweinen. Die Entscheidung des NRW-Landwirtschaftministers, der Steuerzahler werde nicht mehr 75% der Kadaverentsorgung tragen, wurde nicht kritisiert. Landwirte stellten die intensiven Sicherungsmaßnahmen dar, die diese Unglücksfälle verhindern. Füchtling betonte, dass bei ihm die Lüftung durch Warnhinweise auf drei Händies gesichert sei. Allerdings konnte er die Frage nach durchgeführtem Probecheck nicht bejahen. Beckmann führte an, dass der Präsident des Westfälisch-Lippischen Landwirtschaftsverband und MdB Johannes Röring in einer Tagung angab, zweimal täglich durch den Stall zu gehen, und dass trotzdem in seinem Betrieb fast 1.000 Schweine erstickt seien. Herr Gerold Pentrup wies Beckmann darauf hin, dass bei modernen Schweineställen bereits eine ½ Stunde ohne Entlüftung zum Erstickungstod der Schweine führt.

 

Herr Georg Pentrup wies auf die bedeutende Sauerstoffproduktion des Maises als häufigste Anbaukultur des Münsterlandes hin: „Sie ist größer als die eines Buchenwaldes!“ Allerdings musste Beckmann darlegen, dass Maisanbau eine eindeutig negative CO2 – Bilanz habe, und dieser Sauerstoff durch die Produktion und nach der Verfütterung mehr als verbraucht werde. Außerdem bedeute eine hohe Wassereffizienz, dass er wenig Energie zur Wasserverdunstung benötigt, die Solarenergie am Boden bleiben, und der Mais so das Klima erwärme. „Die C4-Pflanze Mais ist für sein Ursprungsland Mexiko bestens ausgerüstet. Bei uns führt er zur Klimaerwärmung.“

 

Willi Kortmann, Gartenbaubetrieb Lüdinghausen, betonte, dass die Automatisierung den Gartenbau total verändert habe. „Wenn Sie ein Stiefmütterchen kaufen, sind Sie die erste menschliche Hand, die dieses Stiefmütterchen berührt. Bis dahin erledigten Roboter und Automaten die Arbeit.“ Ähnliches nehme er für die Landwirtschaft an, so dass der Einfluss der Politik nur in der Regelung der enormen Automatisierung bestünde. Die Landwirtschaft müsse daher, wie jeder andere Handwerksbetrieb auch, andauernd ums Überleben kämpfen.

 

Frau Dr. Koch rief die nachhaltige Landwirtschaft aus den 60ern und 70ern des vergangenen Jahrhunderts in Erinnerung. Damals gab es keine Diskussionen um bäuerliche Familienbetriebe. Sie existierten und versorgten die Bevölkerung mit Lebensmitteln. Klimawandel und Ressourcenknappheit waren Fremdworte.

Diese Art der einfachen Landwirtschaft gibt es nicht mehr.

 

Abschließend zeigte Ostendorff, dass es unserer Landwirtschaft nicht unbedingt schlecht geht. Der Export von Schweinefleisch sei seit dem Jahr 2000 jährlich um über 11% von 500.000 Tonnen auf 1.800.000 Tonnen gestiegen. Eine Wettbewerbsfähigkeit im internationalen Vergleich besteht. Jetzt sei es Zeit aus dieser Position der Stärke heraus, über einen Wandel nachzudenken.

Wimber bedankte sich bei allen Landwirten und anderen Besuchern für ihr Interesse an dieser gelungenen Veranstaltung. Im Nachlauf nahm Fallenberg Kontakt zu Mantel und bat, um Zusammenarbeit zur Betreuung bei der Bestandesverbesserung bedrohter Feldvogelarten. Weiter wurde eine Fortsetzung der Diskussion für den Spätherbst vereinbart.

Verfasst am 26.09.2013 um 8:25 Uhr von .
Bislang
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